Montag, 12. Januar 2015

Unsere Kinder und der Terror

Die Gedanken schlagen Purzelbäume.
Seit ewigen Zeiten Schreckensmeldungen in den Nachrichten.



Es gab noch nie Frieden auf der ganzen Welt. Immer irgendwo Krieg, Terror, Schrecken, menschenverachtendes Tun.

Ein unmenschlicher Anschlag in Frankreich.
Was ist anders, was ist passiert, dass nun die Menschen in Europa "austehen, aufschreien, sich zeigen, Stellung nehmen?"

Warum nie so eine Reaktion wenn Menschen vor unseren europäischen Küsten ertrinken. Menschen in Not. Menschen die ein bessereres, sichereres Leben suchten, ihre Heimat verlassen haben,  unter für uns unvorstellbaren Bedingungen.

Warum nie solch ein Aufschrei wenn in Afrika gefoltert, ermordet, verhungert wird ....

Warum kaum Reaktionen wenn Ausländern in unserem Land böses wiederfährt.

Es gibt so vieles was ich hier aufschreiben könnte.

Ich kann das in meinem Kopf nicht ordnen was nun passiert. Es kommt mir so vor, als ob wir uns in Europa doch sicher fühlten und erst nun, da in unserer Mitte der Terror schreckliches tat so richtig aufgewacht sind.
Warum?
Weil es so nah ist?
Wir baden doch auch in unseren Meeren und haben Spass, Urlaub mit Oma und Kind.
Die Schiffe mit den Flüchtlingen sind auch da nah ...

Wenn ich durch unsere Städte gehe treffe ich ständig Menschen aus Afrika. Nahmen wir bisher an sie machen alle freiwillig Urlaub in Europa?

Ich könnte hier nun stundenlang weiterschreiben und finde doch die Worte nicht, das zu erklären was in mir vorgeht.

Mein erstes "ausländisches" Tageskind kam vor 18 Jahren zu mir. Damals wie heute kamen Reaktionen von den Müttern der anderen Kinder. Versteckt irgendwie 2 Mal auch ziemlich offen.
Ich betreute die Kleine schon über ein Jahr. Montag morgen ein Anruf: "Sie kommt nicht mehr, weisst Du, dieses Kind aus Russland kann ja nichts dafür ... aber warum sind die denn hier, der Vater schaut mich auch immer so komisch an!"
Ich konnte es nicht schaffen ein Gespräch mit allen zu führen. Auch die Dame vom Ju.-Amt nicht ... "Nein, wir wollen nicht dass unsere Kleine mit dem Mädchen zusammen betreut wird"
Das ist nun 7 Jahre her.

Ein Mädchen aus Afrika, die Mama in höchster Not. Sprach kein Wort unserer Sprache. Wir erfuhren nie näheres von ihrer Flucht.
Das Mädchen wurde sehr schnell ein Schatz in meiner kl.Kindergruppe. Fünf weitere Kinder hatte ich damals betreut. Die Kleine war mit fünf Monaten die Jüngste. Drei Wochen später:
"Sag mal, die Wäsche von meinem Sohn riecht nun immer sooooo .....!"
"Er mag sie nicht, ich weiss,dass er Angst hat weil sie so schwarz ist!"
Ja, mitten unter uns kamen solche Sätze. Auch der Junge wurde von mir als Tagesmama weggenommen.
Die kl.schwarze Lady blieb 2 Jahre, lernte zur Muttersprache afrikanisch und französisch ... nein, nicht Deutsch, sondern eher bayrisch!
Dei Mutter und auch die Oma konnten sehr schnell unsere Sprache. Mit der Oma hab ich viel gesprochen, Geschichten erfahren die für mich unvorstellbar waren. Sie hat 4 ihrer Kinder im Krieg in Afrika verloren!
Nur eine Tochter blieb ihr und die Enkelin.

Ja, ich betreute auch schon ein Kind aus dem Iran, einen Jungen aus Indien ....
Nie haben die Eltern mir irgendwas getan. Nie gab es Situationen die ich beängstigend fand.
Ständig kamen von aussen solche Unterstellungen ....

(Ich habe die Namen der Kinder verändert, in Wirklichkeit haben alle wunderschöne, fremd klingende Namen)

Nein, ich möchte nun nicht stundenlang hier weiterschreiben.
Ich erzähle Euch wie Robert das alles empfindet.
Ein autistisches Kind das auf der Heimfahrt von der Einrichtung die Nachrichten und viele Gespräsche mitbekam:

"Also wenn die Terroristen zu uns kommen und meine Freundin (aus Syrien) angreifen, dann lernen sie mich kennen. Ich werde sie verteidigen und wie!
Und wenn die Mama von Sepperl (aus einem Land in dem der pure Terror herrscht) ihren Sohn abholt und Hilfe braucht, dann nehm ich ab morgen die Jacky mit!) Der arme Sepperl ist ja im Rollstuhl, wie soll den seine Mama schnell mit ihm flüchten?!
Mama, aber bitte zeig nicht die Bilder von der Zeitung aus Frankreich in unseren Blog, weil nicht dass wir sie sonst herlocken die Terroristen!)

Robert wächst schon immer kunterbunt auf. In seiner Tagesstätte sind Kinder aus vielen Nationen.
Er kann kaum lesen und schreiben.
Er hat nur durchs hören die Gefahr gespürt. Er verteidigt sofort.
Er spielt aber auch schon lange in der Badewanne "Ich rette Bootsflüchtlinge"
Er weiss, dass in dem Jahr als er geboren wurde in Amerika die Türme fielen ....

Wir haben lang über die Karikaturen gesprochen mit ihm. Er weiss und spürt es ... und er hat wohl wirklich Angst. Aber auch MUT
"Gut, dass ich nicht so gut zeichnen kann, sonst tät ich auch was malen wo gleich böse Kämpfer kommen!
Aber auch wenn Leute so Bilder zeichen darf keiner die einfach erschiessen!
Ich werde sofort die Jacky (unsere alte, treue, faule Hündin!) trainieren, sie muss die Menschen beschützen!"

Welt .... jeder Einzelne muss eine Klitzekleinigkeit tun damit Du endlich den Frieden kennenlernst!


Kommentare:

Lulu hat gesagt…

Ein guter Artikel, und Roberts Gedanken gefallen mir.

Daß es wirklich solche Eltern gibt, finde ich sehr erschreckend. Aber von denen lernen dann leider auch die Kinder, sich abzugrenzen. Traurig.

Daß die Angst vor dem Terror erst wirklich hochkommt, wenn der Terror auch "nahe" kommt, kann ich noch halbwegs nachvollziehen. Es ist ein gesunder Schutz, Schlimmes, das einen nicht direkt betrifft, auch nicht ganz nah an sich heranzulassen, es eher abstrakt zu sehen. Wie sollte man sonst all das, was in der Welt passiert, verkraften können?

Was ich aber wirklich schlimm finde, ist, daß diese Angst sofort in Ablehnung einer ganzen Religion ausartet. Die Wut richtet sich nicht allein gegen die Fanatiker, sondern gegen alle Muslime.

Anonym hat gesagt…

Man merkt in Deinem Post wie aufgeregt Du bist.
Schlimm was ablaufen kann, sogar schon mit Kindern.
Wundern tut mich nichts mehr. Denn schau jetzt hin. Ich bin so sauer, dass alle Muslime nun (ver-) (ge-) jagt werden.
Ich versteh Dich und doch grenze ich mich auch oft ab, mir wird Angst wenn ich alles so nah an mich ranlasse.
Die kleinen Gesten sollten Alltäglich sein.
liebe Grüsse an Dich
Ihr erlebt mit Eurem behinderten Buben ja auch so oft Anfeindungen. Wie Du es nur schaffst dann auch noch so viel zu geben.
alles Liebe Dir
Marianne

Stefanie Rabenschlag hat gesagt…

Seit Anfang November 2014 gebe ich zweimal die Woche Deutschunterricht für Asylanten. Diese Begegnungen sind eine große Freude für mich. Wenn ich dort bin, ein kleiner Raum eines Vereins, der Asylanten unterstützt, vergesse ich alles, was sonst Sorgen macht. Ist eigentlich meine "Therapiegruppe" :-))) ...

Elisabeth J.-S. hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Sommersprosse hat gesagt…

Liebe Elisabeth,
ich muß gestehen, ich lasse die schlimmen Nachrichten auch oft nicht so dicht an mich ran. Ich bewundere Dich, denn Du hast doch wirklich mehr wie genug Sorgen und Probleme. Und trotzdem reicht Deine Liebe auch noch für alle aneren Geschöpfe die leiden, ob Mensch oder Tier.
Solche Reaktionen wie manche Eltern Deiner Tageskinder an den Tag legten, finde ich furchtbar. Wie kann man so ein kleines Menschlein verachten !!! Was sind das für Leute ???? Und das Schlimme, wie hier schon geschrieben, die Kinder dieser Leute werden genauso menschenverachtend.
Finde Roberts Parteiergreifung ganz große Klasse. Aber bei diesen Eltern, wie sollte es anders sein
Ganz liebe Grüße
Trautel

Meine grüne Wiese hat gesagt…

So drunter und drüber geht es auch in meinem Kopf zu. Und was mich sehr ärgert: Die Attentäter haben es geschafft, dass auch ich mich ängstige und wie gelähmt bin. Allerdings ändert sich das schnell, wenn ich in der Schule bin. In meiner Klasse sind 17 Kinder - 17 Kinder mit den unterschiedlichsten Religionen und kulturellen Hintergründen. Eine große Aufgabe, aber auch eine tolle Bereicherung, wenn ich sehe, wie toll und vor allem friedlich sie miteinander umgehen.
Ganz liebe Grüße
Melanie

Anonym hat gesagt…

Du hast so gut erfasst wie das leider noch immer läuft hier im Land. Ich arbeite in einer Krippe, kommentiere deshalb heute anonym.
Ein Beispiel vor Weihnachten. Ein Junge hat im Weihnachtsspiel mitgemacht. Es war egal ob er Christ oder Muslim ist. Er ist drei Jahre und durfte und wollte dabeisein. Dann bei der Aufführung haben sich 2 Väter so daneben benommen. Ich schämte mich so sehr den Eltern des Jungens gegeüber.
Und ich bin seitdem so misstrauisch manch deutschen Eltern gegenüber. Sie bringen ihr Kind, lachen mir ins Gesicht und haben sich aber nach dem Krippenspiel vor der Tür der Einrichtung so billig mit den anderen zusammengtan.
Mir kommt wieder die Galle hoch wenn ich es Dir hier erzähle!
liebe Grüsse, vielleicht ahnst Du ja von wem der Kommentar ist, dann weisst Du, dass ich es tatsächlich so erlebt habe
Deine B.

Anonym hat gesagt…

Puh, das zeigt, dass es in unserem Land noch ein weiter Weg ist zur Integration... Schlimm...
Ich hoffe, dass du den Mut nicht verlierst und weitermachst. Für die Kinder. An der Stelle mal ein dickes DANKESCHÖN für die Arbeit, welche du leistest !

GLG, Christine

quersatz hat gesagt…

Ein schöner Beitrag. Danke. Er erinnert wieder mal daran, dass die Fanatiker nicht nur da sind, wo die Bomben fallen. Leute, die ihre unhinterfragten Vorurteile/Rassismen so ungeniert und dreist ausleben, trennt nur ein sehr, sehr feines Haar von den Bombenlegern. Wenn überhaupt.