Donnerstag, 25. August 2011

Eine alte Dame

52 Jahre ist die Anneliese nun. Wer schon länger mitliest weiss, wie seltsam es ist, dass meine erste und einzigste Lieblingspuppe ausgerechnet "Anneliese" heisst.
heute darf sie hier erscheinen. Weil sie heute ihren 52. Geburtstag feiert.
Ich freu mich, dass sie noch immer bei mir ist.
Auch wenn ich selber ohne Behinderung durch das Leben gehen darf, ist mir von klein auf bewusst wie schwer es ist mit Behinderungen zu leben. Heute Nacht, nach einem heftigen Gewitter hab ich auf der Terrasse gesessen und an viele Menschen gedacht, die nicht mehr da sind. Die mit mir als Kind Geburtstag gefeiert haben. Eine meiner kleinen Freundinnen ist mit nur 5 Jahren wohl bei einem epileptischen Anfall gestorben. 48 Jahre ist das her.
Eine Schulkameradin bekam mit 7 Jahren einen Gehirntumor, der leider nicht geheilt werden konnte. Sie durfte nicht mal ihren 8.Geburtstag erleben.
Ein kleiner Freund wurde das Opfer von Contergan. Doch Peter fühlt sich gar nicht als  Opfer.Er geht bis zum heutigen Tag fröhlich und erfolgreich durch sein Leben.  Ich kannte ihn von klein auf nur ohne Arme. Für mich war er immer "normal".  Ich hab ihn nach vielen Jahren vor zwei Wochen am Grab meiner Mama getroffen. Keine Sekunde war er für mich "anders". Und was sagt der Frechdachs zu mir?: "Du warst auch schon mal dünner!" Ich weiss, dass er einen härteren Kampf um alles (Führerschein, Beruf, etc.) Tag für Tag zu führen hat. Doch er hat eine wunderbare Ehefrau, gesunde Kinder. Er ist glücklich! Und das schon seid über 50 Jahren.
Leider ist nun mit 45 Jahren der Sohn von Freunden meiner Tante gestorben. Er hatte das Down-Syndrom. Ein netter Mann, der schon als Kind immer lachend mit uns mitspielte. Meine Ur-Tante war sein Kindermädchen. Seine Eltern kamen damals nicht mit der Behinderung klar. Sie haben meine Tante als "Kinderfrau" eingestellt und von da ab war sie seine "Nanna"....sie starb in seinem Zimmer mit 78 Jahren, nur er war dabei. Sie haben grad zusammen die Wände für ein jüdisches Fest geschmückt.
Als ich als erste unserer Familie dort hinkam war ich sehr erschrocken. Denn die Tante lag am Boden, die Füsse Richtung Tür. Von den Eltern keine Spur. Über 20 Jahre ist das nun her. Der junge Mann sass daneben am Boden und ich weiss bis heute nicht, ob er da schon "wusste" dass sie nicht mehr lebt. Das etwas ganz, ganz anders ist hat er wohl gespürt. Er konnte nicht sprechen, doch der Gesichtsausdruck war so entsetzt. Leider haben seine Eltern ihn in eine Einrichtung gegeben. Keine Liebe für das eigene Kind....
Mit meiner Puppe hat auch eine Schulfreundin gespielt, die selber keine Puppe hatte. Ein Zigeunermädchen, dass im Wohnwagen am Rande der Stadt wohnte. Das gab es damals noch. Ich war so gerne dort, doch nur heimlich, denn "mit den Kindern spielt man nicht"....doch das hat Mama dann bald nicht mehr gesagt, denn sie hatte keine Chance gegen die Älteste....ich hab mit den Kinder gespielt, und eine meiner vielen Puppen an Anna verschenkt.. Meine Mama hat dann sogar die Kindersachen unserer Zwillinge dort hingegeben. Und mit Annas Mutter zu reden angefangen. Ich bin heute noch glücklich, dass sich meine Mama eine eigene Meinung gebildet hat. Anna hatte einen kleinen Bruder der nie laufen und sprechen lernte. Eines Tages waren sie weg. Die Anna mit der riesigen Familie mit all den bunten Wohnwagen. Beim letzten Klassentreffen haben wir versucht sie zu finden. Es ist uns nicht gelungen. Und was haben wir festgestellt? nach 45 Jahren denken noch viele von uns an sie, an die dünne, lustige Klassenkameradin von damals...und nicht wenige haben mit "solchen Kindern gespielt"
Damit ich mich nun nicht in den Erinnerungen verliere, mach ich jetzt Schluss hier für heute.
Meine letzten Gedanken heute Nacht waren das Gefühl, dass "früher" die Kinder mit Behinderungen mehr mitten unter uns waren. Sie waren halt so, sie wurden überall mit hingeschleppt, wir haben sie so genommen wie sie waren. Neben mir sass lang ein Mädchen in der Schulbank, sie hatte spastische Lähmungen. Unsere Klasse hat sie immer aufgefangen und auf dem Schulhof verteidigt wenn andere sich stark fühlten und sie ärgerten....
Irgendwie ist es so anders geworden.....

Kommentare:

Claudia hat gesagt…

Liebe Elisabeth,

was für ein eindringlicher, nachdenklich machender Text - und gleichzeitig denke ich, es ist so schön, dass Du zum Schreiben gefunden hast - hier - und das wir Deine Texte wirken lassen können. Du hast soviel zu erzählen. Heute, aber natürlich nicht NUR heute, drück ich Dich besonders, und wünsche Dir einen wunderbaren Tag.

Und Dein letzter Absatz, ja, der hat mich nachdenklich gemacht. Früher war wohl tatsächlich Integration eher gelebt als heute - wo doch soviel darüber gesprochen wird. Aber eben wohl nur gesprochen, sonst nichts.

Alles Liebe, Du jung-gebliebene!

Heidegeist hat gesagt…

Liebe Elisabeth. Ich war eben in einer anderen Welt..... Ja, leider hat sich zuviel verändert und nicht im positiven Sinne. Alles Liebe auch hier von Inge

Anonym hat gesagt…

Ich bin es, die A.....e!
Ich möchte Euch erzählen wie eine Behinderung entstehen kann, wenn ein Mensch zu locker mit Alkohol umgeht. Mir war ganz übel, als ich den Zeitungsartikel las. Denn wenn jemand ins Unglück rennt, und trinkt und trinkt, sich verändert, anfängt die Frau zu drangsalieren, die Arbeit zu vernachlässigen, dann richtig bösartig wird...drei mal in Entzug geht (auch das kostet unsere Gesellschaft viel Geld) ... und dann im Rausch die Frau fast umbringt...
Ja! Was ist dann das? Ich habe es fast nicht geschafft davon wegzukomen, weil ich so was wie auch von ihm abhängig wurde. Nun, allein nach langer Ehe fange ich bei Null an, hab Angst vor ihm, bin in eine anderes Stadt. hab zwei Verwandte, die durch Unfall ein grosses Handicap bekamen...bin also nicht naiv. Und wenn ich endlich Mann und Kinder bekommen darf, dann würde ich nichts tun, wenn Ärzte sagen "es hat DS". Ich würde das Kind annehmen, es begleiten im Leben, es lieben. Denn solche Dinge wie ich sie erlebt habe machen die angeblich "behinderten Menschen" nicht.
Soll die Forschung Geld bekommen um die Süchte zu erforschen. doch was dann, wenn beim Embryo die Anlage zum schweren Alkoholiker nachgewiesen wird?
Ein unendliches thema ist das alles. Und die Schulen und HPTs bekommen Gelder gestrichen. Was ist das für ein Denken?
Meine Schiegermama ist eine alte Dame die nun einen Sohn hat, der so grausam alles kaputt macht. Sie leidet, und frägt nach der Schuld. sucht sie teilweise bei sich selber. Was ich aber entschieden verneine...dieser Mann war gesund, ist nun duch das Trinken sogar arbeitsunfähig geworden. Er ist 40 Jahre alt, und dann sagen Kommentare auf den Artikel hin "was uns die Behinderten kosten" Oh, das stimmt so viel nicht mehr, und ich hoffe ihr versteht warum ich das schrieb. Ich wollte aufzeigen, was wirklich nicht stimmt hier in dem Land!
Ich wünsche euch Kraft und schöne Stunden mit all Euren Kindern.
Bitte versteht, warum ich anonym bleiben möchte.
Grüsse aus dem Herzen an Euch