Donnerstag, 28. April 2011

Zur Erinnerung

Ich schreibe für meine Oma.
Meine Oma ist schon lang gestorben.
Ich habe hier ein Kuscheltier, dass ihre Kinder schon hatten.


1916 hat meine Oma einen Sohn geboren. Nach 11 Monaten kam wieder ein Sohn zur Welt. Dann meine Mutter.
Dann nochmal ein Mädchen.
Und dann war Emil unterwegs. Da lebte der erste Sohn schon nicht mehr. Meine Oma wusste nicht warum er gestorben ist.
In den Tagen in denen Emil sich zum ersten Mal bemerkbar machte in der Schwangerschaft .... starb die kleine Tochter. Sie wäre meine Tante gewesen.
Sie war immer schon krank, hatte Anfälle.
Damals war das Kind für die anderen Dorfbewohner "verhext" und vom Bösen besessen.....
Mein Onkel Emil kam zur Welt und hatte wohl das Down-Syndrom. Es gibt kein Foto von ihm. Nur die Erzählungen der Oma. Erzählt hat sie erst, als sie selber schon sehr alt war.
Emil war ihr ein und alles. Sie hat ihn sehr geliebt. Er wurde 17 Jahre alt.
Kein Foto --- können Sie sich das vorstellen?
Wahrscheinlich das Down-Syndrom ---- das hat niemanden interessiert was damals wirklich mit den Kindern los war.
Meine Mutter lebt auch nicht mehr. Sie hat nie über die Geschwister gesprochen, die gestorben sind. So, als ob es sie nie gegeben hätte.
Einfach nie --- so lang ist diese Zeit noch gar nicht her. Sie war sehr anders, behinderte Menschen wurden versteckt, waren noch mehr angefeindet als heute.

Warum ich das schreiben? Warum ich Ihnen die Fotos gemailt habe?
Weil ich es wunderbar finde, dass es die heutige Zeit geschafft hat, so viel besser zu werden. Weil ich hier zufällig hergefunden habe, schon lange mitlese.
Und weil ich nicht durch diese Schreckgeschichte "erschrecken" möchte, nein, ich möchte dabei sein im Aufzeigen, im Erinnern, zum noch besser machen.
So viele behinderte Menschen waren unter meinen Vorfahren.
Ich selber konnte nie ein Kind bekommen. So viele Kinder, die hier dabei sind haben mein Herz erreicht.
Ich arbeite nun aufgrund der vielen Erzählungen hier seid 3 Monaten bei einer Organisation mit, die Familien entlastet. Ich begleite zwei Familien. Spiele mit den besonderen Kinder, gehe spazieren, übernehme auch mal Arzttermine.
Das hat so viel Sinn in mein Leben gebracht. Das habe ich durch alle die Kinder gefunden, die ich durch den Blog hier entdeckt haben.
Ich liebe diese beiden Kinder sehr. Ich liebe die Mütter und mag die Väter.
Die Kuscheltier-Sonnenschein-Armee hat mir diesen Weg gezeigt.
Und deshalb ist das hier das 1.Mal, dass ich über meine Oma etwas geschrieben habe. Am liebsten würde ich noch ein Foto von ihr hier zeigen, hier ist ein Ort wo ich sie gerne dabei habe.
Es gibt viele, viele dieser Schicksale. Damals und heute.
Wer Zeit hat und mit besonderen Familien das Leben entdecken mag, der kann sich jederzeit bei z.B. der Lebenshilfe, dem VDK, der AWO, der Caritas und noch vielen mehr melden. Bitte, macht das. Es ist so wichtig für uns Menschen. Für uns alle Gemeinsam.
Maria

Kommentare:

Elisabeth J.-S. hat gesagt…

Die Geschichte Deiner Oma erinnert mich etwas an das Leben meiner Oma. Früher muss es schlimm gewesen sein.
Dein Kuscheltier finde ich faszinierend. Was ist das bloss? Das könnte fast aus der Vergangenheit des Hasen kommen. Hast Du das gelesen?
Ich wünsche Dir viel Spass bei Deinem Tun. Ich hab auch vor Jahren eine Familie begleitet und das Kind ab und zu betreut. Und nun hat sich das umgedreht. Ich freu mich, wenn Robert ab und zu von einem lieben Menschen "begleitet" wird.
Ich fände ein Foto von Deiner Oma schön hier. Oder meinst Du, dass Du es nicht einstellen magst, weil Du sie nicht mehr fragen kannst?
Liebe Grüsse
Elisabeth

Birgitt hat gesagt…

...eine sehr berührende Geschichte, liebe Maria,
danke dass du sie erzählt hast.

hier ist leben in der bude hat gesagt…

Danke für das Teilen, liebe Maria - das Schicksal Deiner Oma macht sehr betroffen. Was Du aber daraus machst, bringt Hoffnung auf eine tolerantere, offenere, buntere... Welt - ein gemeinsames MITeinander!
Liebe Grüße
Susanne

minomi hat gesagt…

Diese persönliche Geschichte ist schön und dennoch bedrückend zu lesen. Wir können wirklich froh sein, dass es unsere besonderen Kinder heutzutage zumindest etwas leichter haben als noch vor einigen Jahren.

BabaMama hat gesagt…

Liebe Maria,

es braucht mehr Menschen wie Dich! Schade, dass es von Emil kein Bild gab und gibt. Und Du hast ein wunderbares Kuscheltier für die Armee gebracht!

Liebe Grüße
Barbara, Mama von Emma